Herr Pfarrer wird Sozi

Im Seltersweg

Frank-Tilo Becher will in den Landtag. Wenn er es schafft, dann ist er der Erste. Der erste evangelische Pfarrer und Dekan, der ins Landesparlament gewählt wird. Es wäre nicht die erste Grenze, die Becher im Lauf seines Lebens überwindet.

 

Das Überwinden von Grenzen hat in Frank-Tilo Bechers Familie Tradition. Auch seine Eltern kamen über eine Grenze, die es heute gar nicht mehr gibt. Sie flohen aus der DDR nach Westdeutschland. Deshalb erlebt Becher in seiner Kindheit und Jugend auch das Leben einer DDR-Flüchtlingsfamilie, die sich im „Westen“ etwas Neues aufbauen musste.

 

„Wir hatten nicht viel Geld und nur eine kleine Wohnung, ich habe lange bei meinen Eltern mit im Schlafzimmer geschlafen. Später konnten wir dann Verwandte im Osten besuchen. Ich weiß noch genau, dass ich als Kind immer Todesangst um meinen Teddy hatte, weil es Gerüchte gab, dass die DDR-Grenzer manchmal Teddys aufschneiden, wenn sie Schmuggelware darin vermuteten.“

 

Was Frank-Tilo Becher früh in seiner Jugend von seinen Eltern lernt, ist, dass man vor einem Neuanfang keine Angst zu haben braucht. Man kann sich in seinem Leben weiterentwickeln und muss dabei nicht immer zurückschauen. Das wirklich Spannende liegt hinter dem Horizont.

 

„Ich bin 55 Jahre alt und verspüre keinen inneren Zwang, alles ändern zu müssen. Aber ich habe eine große Neugier auf das Neue, was jetzt kommt. Ich habe mich für den Wechsel vom  Pfarramt in die Politik entschieden. Ich weiß auch, dass keine Grenze leicht zu überwinden ist. Es gibt Grenzstreitigkeiten und hinter der Grenze eine große Unbekannte“, sagt Becher heute über seine Kandidatur.

 

Ihn selbst hat es immer wieder ins Neuland gelockt. „Ich war immer ein sehr politischer Mensch und ein Linker noch dazu. Alle in meinem Umfeld waren sich sicher, der studiert mal Politikwissenschaften. Es wurde aber evangelische Theologie.“ Becher überrascht gerne sich und andere. „Ich fand Theologie herausfordernd.“ Becher hat Erfolg in seinem neuen Studium. Doch irgendwann entscheidet er sich, eine Pause einzulegen. „Ich bin einfach nach Spanien gegangen. Ich wollte etwas Neues sehen und erleben.“ Die Begegnungen in Barcelona schärfen seinen Blick für gesellschaftliche  Fragen. Becher kehrt zurück nach Deutschland und setzt sein Studium in Hamburg fort. Er wird zu einem Theologen, der immer auch politisch denkt. „Mit einer klar linken Position habe ich mich bei Jesus immer gut aufgehoben gefühlt. Der hat auch die Verhältnisse auf den Kopf gestellt.“

 

Die Grenzgänge Bechers verlaufen anders als die seiner Eltern. Die brachen alle Zelte ab und erfanden sich neu. Sie brachen endgültig mit dem Osten und wurden im Westen heimisch. Sie misstrauten aller Politik,  wurden später von Anhängern der FDP zu Anhängern der SPD und der Grünen. Sie ließen im Leben mehrfach alles zurück. „Meine Grenzgänge verlaufen anders. Ich nehme viel mit, und ich kehre auch immer mit neuen Perspektiven zurück. Ich gehe auf Entdeckungsreisen, aber es ist nie eine Flucht.“

 

Wenn Becher nun in die Politik wechselt, dann bringt er viele Stärken aus seiner Zeit als Pfarrer mit in den Landtag. „Es stimmt, ich weiß nicht genau, wie man jedes Problem im Landtag löst. Aber ich weiß wenigstens, welche Probleme es zu lösen gilt. Als Pfarrer bekommt man einen sehr guten Blick für die alltäglichen Bedürfnisse der Menschen Ich weiß, was es braucht.“ Dass es dafür Lösungen gibt, davon ist Becher überzeugt. Manchmal wird man eben Neuland betreten müssen. Da hat er klare Vorstellungen.

Bechers Reden über die Politik klingen anders als die der meisten Politikerinnen und Politiker. Er spricht nicht einfach nur darüber, neue bezahlbare Wohnungen zu bauen. Er versteht die Probleme dahinter. „Ich habe immer als Seelsorger Menschen besucht. Sehr viele alte Menschen sind wirklich einsam. Sie wohnen allein in Wohnungen, die ihnen zu groß geworden sind und können sich eine kleinere gar nicht mehr leisten, weil die Mieten so stark gestiegen sind. Diese Menschen brauchen mehr als nur eine kleine bezahlbare Wohnung. Sie brauchen Wohnraum, der auch das Problem der Einsamkeit löst. So etwas geht zum Beispiel mit Mehrgenerationenhäusern.“

 

Auch Bechers Erzählungen über die Pflege haben einen ganz eigenen Ton. „Ich höre immer nur, wir müssten die Pflegeberufe aufwerten. Aber warum ist das so wichtig und worum geht es hier für Pflegende und Patienten ganz konkret? Meine Mutter, stark dement,  hatte einen Schlaganfall. Sie kam auf eine Notaufnahme mit einer Pflegekraft, die für zu viele Menschen zuständig war. Man hat dieser Krankenpflegerin sofort angemerkt, wie gestresst und überfordert sie ist. Haben Menschen, die selbst so unter Druck stehen, die Kraft, den Druck von jemandem zu nehmen, der einen Schlaganfall hatte? Nein, und deshalb muss sich das ändern.“

Dass Becher viel beizutragen hat zu konkreten Veränderungen, das hängt auch stark mit seinem seitherigen Amt zusammen. Als evangelischer Dekan ist er zuständig für viele soziale Einrichtungen der Kirchen. „Wenn man Verantwortung für 30 Kitas trägt, dann weiß man, vor welchen Problemen die Einrichtungen stehen, aber auch welche Chancen noch nicht genutzt werden. Ich weiß, dass unsere Erzieherinnen und Erzieher sehen, wenn Eltern mit ihrem Kind überfordert sind. Sie wüssten auch, wie man da helfen kann. Sie haben nur schlicht für solche Hilfen für Eltern zu wenig Zeit, weil die Kitas zu schlecht finanziert werden. Das kann ich aber nur im Landtag ändern.“

 

Was Becher an diesem Beispiel wichtig findet zu verstehen, ist, dass auch die heutige Elterngeneration eine neue Grenze überschreitet. „Das ist doch oft  die erste Generation, in der beide Eltern arbeiten, während sie ein Kind großziehen. Da hilft es nicht, zu sagen, die sollten das anders tun. Da hilft nur, diesen Grenzgang so zu unterstützen, dass er gelingt. Wer eine Grenze überschreiten will, den hält niemand auf.“

Die Grenze zwischen dem Pfarramt und der Politik will Becher nun überschreiten. Ihn hält niemand auf. Aber all die Wählerinnen und Wähler in seinem Wahlkreis können diesen Grenzgang so unterstützen, dass er gelingt.