Nehmen wir mal an…..

Frank-Tilo Becher, im April 2020.

Gute Ideen und Erkenntnisse, gewonnen in den besonderen Zeiten meines Lebens, gehen mir häufig wieder verloren. Sie werden von der zurückkehrenden Normalität eines vertrauten Alltags schneller weggespült, als die Flut am Strand braucht, um eine Sandburg einzuebnen. So ergeht es den Ideen für einen veränderten Lebenswandel, mitgebracht aus der Entspannung eines Urlaubs. Das betrifft aber auch scheinbar tiefgreifende Vorzeichenwechsel, die ein Unfall oder eine Krankheit nahegelegt haben. Der alte und lange Jahre verinnerlichte Trott erweist sein unfassbares Beharrungsvermögen. Er legt sich in rasender Geschwindigkeit erst über das Gefühl, dann über die Erinnerung und schließlich über den Verstand, dem das Neue doch vor kurzem noch ganz plausibel schien. Und mit jedem Schritt zurück in die Alltäglichkeit wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sich diesmal etwas ändert. Am Ende hat die Gewohnheit gewonnen.

Ich befürchte, es wird uns mit der Ausnahmezeit, in die uns Covid-19 gerade zwingt, nicht viel anders ergehen. Versuche, in dieser Krise neben allem Schrecken, neben aller Einschränkung und Gefährdung auch Chancen zu entdecken, gibt es viele. Und das ist gut so, solange wir die Sorgen, die existentiellen Nöte und die Traurigkeit über das Sterben damit nicht zum Schweigen bringen wollen. Es ist auch deshalb gut, weil darin jenes Prinzip Hoffnung schlummert, das uns in Krisen Antrieb und Energie ist.

Aber nehmen wir doch mal an – einfach so und ohne empirischen Beleg, dass das besonders häufig gelingt – nehmen wir also mal an, wir würden uns von den jetzt gewonnenen Erkenntnissen und Ideen in der Zukunft wirklich tragen lassen, was könnte dabei eigentlich herauskommen?

Nehmen wir mal an, es würde uns erst fassungs- und sprachlos und dann zornig machen, dass Krisengewinnler den Preis für einen Mundschutz von 45 Cent auf 20 Euro getrieben haben. Nehmen wir weiter an, wir würden einsehen, dass nach den Regeln eines freien Marktes der mit Angebot und Nachfrage funktioniert das überhaupt nicht zu beanstanden ist, würden wir zukünftig nicht genau hinschauen, wo es wieviel Markt braucht und was zu einer Daseinsvorsorge gehört, die das „sozial“ nicht auf dem Markt verkaufen darf? Würden wir womöglich darauf stoßen, dass Gesundheitsfürsorge sehr grundsätzlich nicht zuerst einer Kapitalmehrung und dem Gewinn dienen darf, dass wir vielmehr in gute Arbeitsbedingungen und gute Löhne investieren müssen, dass wir Gerechtigkeitslücken zwischen Privat-und Kassenpatienten schließen müssen, dass wir Spezialisierung und Grundversorgung für Stadt und Land sehr genau steuern und planen müssen?

Nehmen wir mal an, uns würde gerade wahrhaftig auffallen, dass wir uns ein Leben eingerichtet haben, das ohne gute Kinderbetreuung einfach in sich zusammenfällt und dass wir selbst in Home-Office-Zeiten nicht gut darauf verzichten können, würden wir dann nicht die Kitaleitungen und Erzieher und Erzeherinnen bitten, uns ihren Wunschzettel für die Zukunft aufzuschreiben – und wir würden loslaufen, ihn zu erfüllen? Und würden dann Gruppengrößen und pädagogische Vorbereitungszeiten, würde die Ausbildung und Bezahlung, die Unterstützung in Verwaltungsaufgaben nicht ganz anders aussehen und wir würden nicht mehr daran zweifeln, dass das gut angelegtes Geld ist?

Nehmen wir mal an, wir hätten einer Grundschullehrerin, einem Grundschullehrer in diesen Tagen über die Schulter geschaut und hätten die Mühe und den Einsatz erlebt, ein Angebot für den Unterricht der Kinder in den eigenen vier Wänden zusammenzubauen, wir hätten die Sorgen in den Augen gesehen, wenn sich in der Kameraeinstellung ein häusliches Drama abzeichnet, wir hätten den Telefonaten zugehört, in denen die Fürsorge für die Schülerinnen und Schüler zum Ausdruck kommt, würde es uns  nicht lächerlich erscheinen, ihnen weniger Gehalt als anderen Lehrern zu zahlen, nur weil es Grundschullehrer und -lehrerinnen sind und würden wir das nicht schleunigst ändern?

Nehmen wir mal an, unsere Sorgen um die Abiturprüfungen meinten zuerst die Schülerinnen und Schüler und nicht nur die technische Frage, wie wir es hinbekommen im Plan zu bleiben, würden wir dann nicht erkennen, dass das legendäre Reifezeugnis als Ziel einer Schullaufbahn ganz offensichtlich auch seine Grenzen hat. Der Virus müsste uns nur lange genug im Griff behalten, dann fänden wir tausend und einen Weg, die jungen Menschen mit irgendeinem Papier auszustatten, womit sie ihren Ausbildungsweg weitergehen könnten. Und da könnte uns eigentlich auffallen, dass uns genau das das Wichtigste sein sollte, dass junge Menschen am Ende ihres Schulwegs die nächsten Schritte in eine Berufsqualifizierung gut gehen können. Dazu brauchen sie eine gute Idee, die zu Ihren Fähigkeiten und Begabungen passt, gute Startkenntnisse, auf die sich aufbauen lässt, Freude auf die nächsten Schritte und Leistungsbereitschaft. Aber wie genau sähe eine Schule dann aus..…….?

Nehmen wir mal an, in der Ruhe, die sich über das Land gelegt hat, hätten wir unserem Gewissen wieder aufmerksamer zugehört, das uns zuruft, die Menschen in den Flüchtlingslagern Griechenlands seien auch eine „vulnerable Gruppe“ – diese Vokabel haben wird doch gerade neu gelernt. Würden wir daraus nicht den Schluss ziehen müssen, dass das Flüchtlingsthema genauso global ist, wie diese Pandemie und dass global eben niemals bedeuten kann, dass es uns nichts angeht, weil es weit weg ist? Und würden wir dann nicht die Sorge vor rechter Meinungsmache ignorieren und die Asylsuchenden einfach zu uns holen?

Nehmen wir mal an, der Applaus von den Balkonen für die Schwester vom Pflegedienst, für die Verkäuferin beim Bäcker und den Kassierer an der Supermarktkasse, für den Berater im Baumarkt und die Mitarbeiterin beim Arbeitsamt käme so sehr vom Herzen, dass unser Herz ganz aufgeregt schlägt, müsste uns das nicht alle etwas freundlicher beim Einkauf und beim Behördengang machen, und müsste sich diese Freundlichkeit nicht auch in ordentlichen Tariflöhnen und Ausbildungsvergütungen niederschlagen und in einer Wertschätzung für diese Berufe, die in den Schulen beginnt und sich in den Medien ganz alltäglich fortsetzt?

Nehmen wir mal an, uns würde in diesen Tagen bewusst, wie sehr uns Musik, Filme und Bücher durch diese Zeit tragen, würden wir nicht endlich verstehen, dass Kultur kein Luxusgut ist, sondern Lebenselixier und würden wir nicht anfangen, den Künstlerinnen und Künstlern zu zeigen, dass wie sie brauchen und neugierig auf ihre Kunst sind? Und würden wir zwischen den Tempeln der Kulturindustrie und den Winkeln der brotlosen Künste nicht anfangen, ihnen Orte, Freiräume und Einkommen zu erschließen, die ihrer Bedeutung gerecht werden? Und würden wir in unseren Dörfern und Stadtteilen unseren Kindern und Jugendlichen nicht viel mehr Zugänge wünschen, diese starke Kraft der Kunst für ihr Leben auch zu erfahren und all die Angebote die es schon gibt, hegen und pflegen?

Nehmen wir mal an, wir stellten fest, dass unsere parlamentarische Demokratie und unsere Verfassung gerade ihre Krisentauglichkeit beweisen, weil sie in der Lage sind, trotz aller Unterschiede in den politischen Positionen geeint handlungsfähig zu sein. Würden wir dann nicht unter den politisch Handelnden darüber nachdenken, ob manche kleinere Krise auch gut zu bewältigen wäre, wenn im politischen Geschäft hin und wieder die Profilierungssucht zugunsten einer gemeinsame Problemlösung in den Hintergrund treten würde und wir darauf vertrauten, dass auch darin Profilierung liegen kann? Würde vielleicht auch der Zuschauer vor der politischen Bühne darauf verzichten können, die Profilierungskämpfe als Teil einer Unterhaltungsindustrie zu konsumieren, um stattdessen hart errungenen Kompromissen seinen Beifall zu spenden?

Nehmen wir mal an, all der geballte und gebremste Bewegungsdrang würde sich danach entladen und nicht nur verpuffen, weil wir erlebt haben, wie sehr Bewegung uns fehlt, würden wir nicht mehr Sportunterricht an die Schulen holen, nicht mehr Gymnastikpausen in die Firmen, nicht mehr Plätze zum Bolzen, Toben und Rennen für unsere Städte einplanen, und dem Fahrrad mehr Platz im Verkehr einräumen? Nehmen wir mal an, wir hätten im lock-down verstanden, wieviel des vorherigen Verkehrs entbehrlich war und wir würden auf Entbehrliches verzichten – wo würde das enden?

Nehmen wir mal an, wir trauten uns nur die Kraft und die Konsequenz zu, zwei von den Einsichten umsetzen zu wollen: wie kriegen wir raus, welche es sein sollen und welche Schritte müssen wir für eine Umsetzung gehen? Wen brauchen wir dazu und wie werden wir es anfangen?

Nehmen wir mal an, wir wären mit dem Annehmen noch lange nicht am Ende, was kommt noch dazu? Welches „Nehmen wir mal an“ fügst Du hinzu?

Nehmen wir mal an, es wäre noch offen, wie das ganze ausgeht – was für ein Risiko und was für eine Chance!

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